Bericht vom Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Der letzte Tag, die letzte Nacht in Heidelberg oder weit war der Weg zu Mikael im Kinoformat

Nach der Enttäuschung, dass Mikaels aktueller Film "Dag och Natt", im Fanjargon besser bekannt als DON, bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck nicht laufen würde, fand ich mich damit ab, diesen Film nicht mehr auf einer großen Leinwand zusehen, sondern nur auf dem vergleichsweise kleinen Fernsehbildschirm als DVD. Da gab mir die Nachricht neue Hoffnung, DON würde auf dem 53. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg im Internationalen Wettbewerb laufen. Tatsächlich, ein Blick auf die Website des Festivals bestätigte, dass DON insgesamt achtmal gezeigt werden sollte: je viermal in Mannheim und Heidelberg. Das müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich da nicht hinkäme, um Mikael mal endlich im großen Kinoformat zu bewundern!
Nach einem Blick in meinen Terminkalender entschied ich mich für die Vorführung am Mittwoch, dem 24. November, nachmittags um 16.00 Uhr im Kino "Kamera" in Heidelberg. Da die Tour von Lüneburg nach Heidelberg sehr lang ist, reiste ich bereits am Dienstag abend in die Stadt am Neckar. Ich hatte ein Zimmer im wunderbar schnuckeligen Hotel Perkeo an der Hauptstrasse in Heidelbergs Altstadt gebucht. Auf einem Rundgang erkundete ich nach dem Einchecken im Hotel noch die Altstadt, wo trotz frösteliger Kälte reges Treiben herrschte: Studierende auf dem Weg zum abendlichen Vergnügen in den zahlreichen Kneipen und Marktbeschicker beim letzten Feinschliff für ihre Buden, die sich auf den Strassen und Plätzen der Altstadt breit machten. Am nächsten Tag sollte nämlich der Heidelberger Weihnachtsmarkt eröffnet werden. Highlight war sicher der Getränkestand auf dem Marktplatz, der in Form einer riesigen erzgebirgischen Weihnachtspyramide gestaltet war. Der Mittwoch begann mit einer angenehmen Überraschung. Die junge Frau, die sich neben der Rezeption auch um die Wünsche der Gäste beim Frühstück kümmerte, fragte nicht nur nach meinem Getränkewunsch (schwarzer Tee), sondern auch, ob ich eine Zeitung lesen möchte (wurde mir das erste mal in einem Hotel angeboten!). Daraufhin liess ich mir die hiesige Rhein-Neckar-Zeitung bringen, in der ich sofort die Seite über das Filmfestival aufschlug. Und wer starrte mir entgegen? Mikaels eisblaue Augen! Ein Foto des DON-Plakates zierte die begeisterte DON-Besprechung von Wolfgang Nierlein, dem Filmkritiker der Rhein-Neckar-Zeitung: "Eva hat ein dunkles Geheimnis - Stark im Wettbewerb: Der letzte Tag, die letzte Nacht". Neben Simon Staho wurde darin auch Mikaels Leistung hervorgehoben: "der 40-jährige Architekt und Familienvater Thomas Ekman (hervorragend verkörpert von Mikael Persbrandt)". Nachdem ich also sowohl meinen Körper als auch meinen Geist für den Tag gestärkt hatte, brach ich zum Heidelberg-Sightseeing auf.

Zur weiteren Einstimmung auf das nachmittägliche Kinovergnügen, wechselte ich über die Theodor-Heuss-Brücke auf die andere Neckarseite, um einen Blick auf die "Kamera" zu werfen. Soweit ich feststellen konnte, war es ein älteres, kleines Kino in einem frisch renovierten Haus. Praktischerweise direkt mit der S-Bahnhaltestelle vor der Tür, das erleichterte am Abend den Weg zurück zum Bahnhof.
Den Rest der Zeit bis zum Beginn der Filmvorführung am Nachmittag vertrieb ich mir bei schönstem Herbstwetter mit einer Wanderung auf dem Philosophenweg, der oberhalb des Neckar durch Gärten und Weinberge entlangführte und eine Reihe schöner Ausblicke auf Altstadt und Schloss bot. Der Verkehrslärm war dort nur noch ein fernes Rauschen. Über einen Wehrsteg wechselte ich am Ende des Weges wieder auf die andere Flussseite für einen Abstecher zum Heidelberger Schloss bzw. den Resten, die die Soldaten Ludwigs des XIV und diverse Abrisse davon übrige liessen. Vom Schlossberg ging es dann wieder hinunter in die Stadt. Nach einer Stippvisite im Kurpfälzischen Museum (Sonderausstellung "Der Winterkönig") und einem üppigen Mahl wurde es Zeit, auf die andere Flussseite zurückzukehren.
Das Kino hatte nur einen Saal, der mich mit den rotschwarzen Plüschsesseln ein bisschen an das Programmkino in Münster in den Achtzigern erinnerte. Da zunächst relativ wenig Zuschauer anwesend waren, zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung waren es ganze zehn (!), war die freie Platzwahl mit gutem Blick garantiert. Schließlich trudelten noch einige Filmenthusiasten ein, so dass der Film schließlich vor gut 30 Zuschauern startete. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass DON ganz gut bei ihnen ankam.
Ich fand den Film sehr beeindruckend, sowohl von der Story, der Umsetzung als auch von den Darstellern her. Herausragend natürlich Mikael als Thomas, der in seiner Verschlossenheit unerreichbar ist und der selbst zu den ihm nahestehenden Menschen nicht mehr durchdringt. Wie Mikael mit minimalen mimischen Mitteln diesen Panzer aus Ablehnung, Arroganz und Abweisung darstellt und zugleich immer wieder die Einsamkeit, Verzweiflung und den Wunsch nach Nähe von Thomas durchscheinen lässt, lässt einen nicht kalt. Für mich ist diese Leistung von Mikael die beste die ich bisher von ihm gesehen habe. Es ist daher wirklich sehr schmerzlich, dass er nicht für den Guldbagge nominiert werden kann. Vielleicht hat er Glück beim dänischen Bodil oder nächstes Jahr beim Europäischen Filmpreis (Publikumspreis?!).
Aus der großen Riege der ebenso exzellenten Nebendarsteller ragt für mich besonders Marie Göranzon als Thomas' demente Mutter Maria heraus. In dem Kapitel mit Maria erfährt man einiges, die die Entwicklung von Thomas und sein Handeln erhellt. So wie seine Mutter ihn als Kind damit verletzte, als sie zu ihm sagte "ich will nicht deine Mutter sein, ich wollte dich nicht haben", in genau der gleichen Art hat er am Morgen seines letzten Tages die Liebe seines Sohnes so zurückgewiesen, dass dieser ihn schließlich hasst und abweist (Fußballplatzszene). Wenn Thomas seine Mutter schließlich an einem Strand aussetzt, dann erschrickt man über diese kaputten Menschen. Sehr gut war auch die Leistung von Tuva Novotny als schwangerer Prostituierter Desiré, deren Gesicht trotz ihrer Jugend uralt wirkt, eine in Stein gemeisselte Maske, hinter der sie ihre Emotionen verbirgt, um nicht noch tiefer hinuntergezogen zu werden. Obwohl sie das Geld gut gebrauchen könnte, lässt sie sich nicht überreden Thomas gegen Bezahlung zu töten, weil sie weiss, dass sie dadurch nur noch unglücklicher werden würde. Thomas muss das schon selbst erledigen oder wie der Kritiker schrieb: "In Stahos beeindruckendem, unter die Haut gehenden Film bleibt der traurige Held allerdings auch auf seinem letzten Gang in die absolute Wunschlosigkeit allein." Dass Thomas sich während eines Gewitters bei Donner und Blitz umbringt, fand ich aber etwas kitschig und melodramatisch. Ansonsten ist den Worten von Wolfgang Nierlin über DON nichts hinzuzufügen.

Noch einige Anmerkungen am Rande:

  • "DON firmierte als dänischer Film beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Er wurde, wie alle anderen Filme im Wettbewerb, zum ersten Mal in Deutschland gezeigt, denn das Motto dieses Festivals lautet "Premieren oder gar nichts", d.h. Mannheim-Heidelberg zeigt nur Uraufführungen. Daher ist dann nicht verwunderlich, dass DON nicht in Lübeck bei den Nordischen Filmtagen lief, die ja zeitlich vor Mannheim-Heidelberg liegen.
  • "Gezeigt wurde DON Original mit englischen Untertiteln, was Vor- und Nachteile hatte. Einerseits verstand man den Inhalt der Gespräche in Thomas' Auto als Nicht-Schwedisch-Sprecher besser, andererseits können Untertitel auch ganz schön ablenken vom Geschehen auf der Leinwand, weil man seine Konzentration zweiteilen muss.
  • "Der Festivalzeitung Nr.4 (wird alle zwei Tage herausgegeben) konnte ich die Information entnehmen, was Anne Kathrin Andersen, die Produzentin von DON, einige Tage zuvor beim Filmtalk über die Dreharbeiten zu DON erzählte. Zumindest ein Satz rief doch ein ärgerliches Stirnrunzeln bei mir hervor, aber lest selbst, was sie zu sagen hatte: "Die dänische Produktion wurde in Schweden gedreht, weil der Hauptdarsteller aus Schweden kommt. Die Schauspieler kannten sich vorher nicht, jeder hatte gerade mal zwei Tage Zeit, seine Rolle zu finden. Im Auto, in dem hauptsächlich gedreht wurde, befanden sich ausschließlich zwei DVD-Kameras. Gedreht werden konnte täglich nur von 9-16 Uhr, um das Tageslicht auszunutzen. Die Tatsache, dass der Zuschauer von Anfang an weiß, dass Thomas Ekman sich umbringen wird, bewirkt, dass man seine krassen Handlungen von Anfang an verstehen kann. Die besondere Art des Filmens, die langen Einstellungen der Kamera ermöglichten es den Schauspielern, an ihre Grenzen zu gehen: Sie mussten nicht alle fünf Minuten aus ihrer Rolle herausgerissen werden." Frau Andersen weiß anscheinend nicht viel über die Vita der Darstellerriege, sonst würde sie nicht behaupten, die hätten sich nicht gekannt, schließlich haben zwei davon über sechs Jahre zusammengelebt!
  • "Die Stimmzettel für den Publikumspreis wurden nicht gerade professionell verteilt: fünf Minuten vor dem Film fiel einem der Kartenabreisser ein, darauf aufmerksam zu machen, dass die Stimmzettel noch draußen vor der Tür an der Urne lägen und Interessierte sollten sich doch welche holen. So ist es dann nicht verwunderlich, wenn DON bis Mittwoch nicht in der Publikumswertung platziert war (und ihn auch nicht gewonnen hat, wie ich erfahren habe).
  • "Im Kritiker-Barometer dagegen hatte DON bis Mittwoch auf der Sterneskala von eins (gut) bis fünf (toll) drei mal drei und einmal fünf Sterne eingeheimst.
  • Mein Fazit zum Schluss: es hat sich gelohnt, für DON die weite Strecke nach Süden auf sich zu nehmen. Ich hoffe, dass er nicht nur mich beeindruckt hat, sondern auch die Filmeinkäufer. Dann könnten wir DON eventuell in dem einen oder anderen heimatlichen Kino erleben. Aber Heidelberg hat nicht nur zur Filmfestivalzeit viel zu bieten und ist immer eine Reise wert.

    Fotos und Bericht von Hilke - 30. November 2004