Sonntagsfrühstück mit Überraschungen oder wie Herr Persbrandt zu seiner Narbe über der Augenbraue kam
Irgendwo im fernen Serbien, genauer gesagt in Belgrad, flog ein Teebecher krachend in den Spiegel einer winzigen Theatergarderobe.
"Fy fan", fluchte Mikael Persbrandt und knallte sein Textbuch auf den wackligen Schminktisch. So konnte es nicht weitergehen. Das dreitägige Gastspiel am Nationaltheater Beldgrad, wo er "Leka med elden" mit seinen Kollegen vom Dramaten präsentierte, drohte zu platzen. Nein, die erste Vorstellung gestern Abend war nicht gut gelaufen, offen gesagt geradezu kathastrophal. Seine Mitspieler und auch er selbst hatten große Schwierigkeiten, wieder in ihre Rollen zu finden. Keiner konnte sich recht daran erinnern, aus welcher Ecke er die Bühne betreten und wo er abgehen sollte.
"Gelacht haben sie!", brummt Mikael in seinen Bart, "Gegrölt vor Lachen, als ich gestern den Handgriff von der blinden Pappkulissentür abgerissen habe auf der Suche nach einem Weg aus der Kulisse, djävla scenbild!"
Als Mann der Tat musste er Abhilfe schaffen.
"So geht das nicht weiter... Und ich habe da eine Idee", überlegt Mikael, als er die Pfützen seines Frühstückstees aufwischt...
Währenddessen schälten sich in Hamburg und Lüneburg sieben Mädels verschlafen aus ihren Betten. Die Nacht war kurz gewesen, denn es gab einfach viel zu viel zu bereden. Das erste Mikael-Persbrandt Fan-Treffen hatte in allen Teilnehmerinnen den Ehrgeiz geweckt, möglichst viele Filme in möglichst kurzer Zeit zu sehen. So war der erste Tag des Meetings erst gegen 2:30 mit "Nu" und einer aufgeregt kontroversen Diskussion um "Meningar om Nu" zu Ende gegangen.
Am Flughafen in Hamburg Fühlsbüttel war eben die erste Privatmaschine an diesem sonnigen Sonntagmorgen gelandet. Ein stattlicher Mann verließ eilig den Flieger und stieg in den bereitstehenden Toyota Camry ein. Die Schlüssel steckten. Er ließ den Motor aufheulen. Der Wagen schlingerte mit quietschenden Reifen über die Rollbahn Richtung Flughafenausfahrt.
In Hamburg saß Tanja vor dem PC und versuchte ihren Nachholbedarf an Micke Fotos und Stories aufzuholen - die Internetabstinenz konnte sie in den Wahnsinn treiben. Åndrea genoss derweil den nächsten Beck-Film auf Schwedisch, um zwischendurch immer mal wieder nach schwedischen Termini und deren Übersetzung zu fragen....
Als Gisela eben zum Frühstück rief, passierte etwas Ungewöhnliches. Die sonntägliche Ruhe in der Wilhelmstrasse wurde durch das Gekreische quietschender Reifen unterbrochen. Genau vor dem Haus kam ein Wagen mit einer Vollbremsung zum Stehen. Kurze Zeit später schrillte im ersten Stock die Klingel.
"Die Lüneburger wollen doch erst gegen elf kommen?", überlegte Gisela, als sie den schnarrenden Türöffner drückte.
Der Mann, der lautstark die Treppe hinaufpolterte, stürzte direkt auf Gisela zu.
"Hej!", grinste er breit über beide Backen.
Gisela traute ihren Augen nicht. Vor ihr stand Mikael Persbrandt in voller Größe. Beinahe hätte sie ihn nicht erkannt. Er hatte zur Abwechslung Haare auf dem Kopf. Sprachlos starrte Gisela die Erscheinung in ihrem Türrahmen an.
Tanja und Åndrea wunderten sich über die plötzliche Stille und fanden Gisela schließlich in Schockstarre in ihrem Flur stehen, ihr gegenüber im Halbdunkel eine Männergestalt. Åndrea erfasste die Situation in Sekundenbruchteilen und reagierte beinahe automatisch.
"Ein Einbrecher bedroht Gisela, ich muss was unternehmen." Und noch bevor sie im Dämmerlicht des Flurs den Eindringling hatte erkennen können, schleuderte sie ihm Ihren vollen Teebecher an den Kopf.
"Fy fan, djävla het groente - inte igen!" (fy fan, verflucht heißer Grüntee - nicht schon wieder), schrie Mikael auf. Der Tee lief über sein Mickeymouse-T-Shirt und ein kleiner Blutstropfen quoll aus einer Platzwunde über seiner rechten Augenbraue. "Volltreffer," dachte Andrea, "das gibt lebenslanges Einreiseverbot in Schweden."
"Ähhhh, kom in och klä av dig!" (Komm rein und zieh dich aus). "Neiiiiin," Andrea konnte kaum glauben, dass dieser Spruch gerade von ihren Lippen geperlt ist. Aber diese Worte waren einerseits so auf den Punkt gebracht und andererseits so daneben, dass sich die Anspannung bei allen löste, und auch Mikael in dröhnendes Gelächter ausbrach.
In der Küche schälten die Mädels Mikael aus seinem vor Tee dampfenden Shirt und versorgen seine Kopfwunde. Leider, leider war in der ganzen Wohnung gerade kein passendes Kleidungsstück aufzutreiben, so dass es zu dem Foto kam, das ihr hier sehen könnt.
Auch Gisela hatte ihre Sprache wieder gefunden und reagierte nun wieder professionell. Lüneburg musste informiert werden. Schließlich durften die anderen dieses Weltereignis nicht verschlafen. Ohne Frühstück machten sich Hilke, Manja und Sandra nach Giselas Anruf auf den Weg nach Hamburg...
In der Zwischenzeit bekam Herr Persbrandt - zum dritten Mal an diesem Tag - Tee, diesmal echten Ostfriesentee mit Kandis und getoastetes Finnbrot.
Als Gisela ihn schließlich fragte, was ihn in aller Welt eigentlich nach Hamburg geführt hatte, antwortet Mikael grinsend "Your Fan-Convention visst, what else could it be?!"
Schliesslich rückte Mikael mit dem wahren Anliegen seines Blitzbesuchs heraus: "Gisela,
I need your foto-stills, that you took at the "Leka med elden"-Performances at Stockholms Dramaten two years ago. Neither my agent nor the director or the Dramaten's archive have some. Idiotiskt. Var snäll och help me out, Gisela?
"Yes, älskling, I get them for you", hauchte Gisela und brachte den Fotoordner, wo die gesuchten Schnappschüsse tatsächlich drin waren.
"Du är fantastisk, Gisela. Jag älskar dig!, umarmte Mikael sie.
Glücklich über die Fotos die seine Karriere als Schauspieler retten würden, verabschiedete er sich. Nach drei kurzen aber heftigen Umarmungen, schnappte er sich sein triefendes Hemd und stürmte er aus der Wohnung.
"Hej, das war er doch, der da in den Toyota stieg und um die Ecke verschwand", fragte Manja, die nun die Küche betrat und ihren Augen gerade nicht hatte trauen können. "Er
muss es gewesen sein, sie sind hier alle ganz erstarrt", erwiderte Hilke, die nun ebenfalls in der Küche stand.
"Nicht mehr lange", antwortete Sandra und spielte laut die Nationalhymne Schwedens anlässlich des Nationalfeiertages ab.
"Mach das sofort wieder leiser, sonst stehen hier gleich die Nachbarn vor der Tür", erwachte Gisela als erste. Tanja und Åndrea kehrten auch wieder langsam aus ihren Träumen zurück und folgten den anderen ins Wohnzimmer, wo es "Hurt" in der xten Wiederholung zu sehen gab.
Tja nun wisst ihr wie diese Fotos entstanden sind.
Aufgezeichnet von: Andrea und SD
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